„Vermutlich wird aktuell im Kopfbereich langsamer gebaut als auf der Baustelle.“ – Stefan Anders über Holzbau, Forschung und Verantwortung
In kaum einer anderen Bauweise vereinen sich Klimaschutz, Innovationskraft und Tempo so selbstverständlich wie im modernen Holzbau. Stefan Anders, Architekt, Standortleiter Potsdam und Projektverantwortlicher bei B&O Bau, steht exemplarisch für den Typ Bauschaffenden, der den Wandel nicht nur fordert, sondern praktisch umsetzt.
Im Gespräch mit Michel Reckhaus vom Holzbaucluster Berlin-Brandenburg erklärt er, was ihn an der Vorfertigung im Holzbau begeistert, warum regionale Stoffkreisläufe für ihn kein “nice to have”, sondern Planungsgrundlage sind – und weshalb ein Holz-Lehm-Projekt in Berlin-Weißensee für ihn weit mehr ist als ein weiterer Meilenstein.
Michel Reckhaus: Du hast schon viele Holzbauprojekte in Berlin und Brandenburg begleitet — was begeistert dich persönlich an dieser Bauweise am meisten?
Stefan Anders: Zuallererst vielen Dank für die Möglichkeit, euch Rede und Antwort zu stehen und einen kleinen Einblick in die Welt von B&O Bau zu gewähren.
Ich bin davon überzeugt, dass hochvorgefertigte Holz‑ und Holzhybridgebäude der Schlüssel zu nachhaltigeren und zukunftsorientierten Bauweisen sind.
Mich fasziniert vor allem die Effizienz und die hohe Qualität im Holzbau, mit welcher wir unsere patentierten Holzwandelemente im firmeneigenen Werk in Frankfurt/Oder fertigen. Die nahezu vollautomatischen robotergestützten Prozesse und unsere Wandsysteme senken Ausschuss, steigern die Präzision und ermöglichen es, innerhalb weniger Monate mehrgeschossige Bauten zu errichten. Das ist ein riesiger Vorteil für Nachbarn, Bauherren und den schnellen Einzug der neuen Bewohner. Holzbau in Vorfertigung eignet sich für alle Einsatzgebiete und ist ideal für Dachaufstockungen, Parkplatzüberbauungen, Stadtentwicklung, Nachverdichtung und nicht zuletzt für serielle Sanierung – gerade in dicht bebauten Städten wie Berlin. Ein weiterer Vorteil im Bereich Aufstockung und Sanierung
ist das geringe Gewicht. Die statische Belastung bleibt dadurch überschaubar und Anpassungen erfolgen schnell und unkompliziert.
Am wichtigsten empfinde ich persönlich die Unterstützung der Bauwende durch den Holz‑ und Holzhybridbau. Wir zeigen, wie klimafreundliches Bauen sozial und wirtschaftlich für den Wohnungsbau funktionieren kann. Den Beweis anzutreten, dass Nachhaltigkeit in der Praxis skalierbar und bezahlbar ist und sich im Alltag bewährt, begeistert mich Tag für Tag. Weiterhin ist mir wichtig, das Potenzial dieser Bauweise kontinuierlich in Forschung weiterzudenken. Zum Glück ist Innovation bei B&O Bau ein Grundsatz, um den Holzbau praxisnah weiterzuentwickeln.
Holzbau vereint für mich Klimaschutz, Geschwindigkeit, Kostenkontrolle und gestalterische Freiheit – und das mitten in Bundeshauptstadt und Brandenburg.
Es ist ein lebendiges Versprechen, wie die Bauwende in der Praxis aussehen kann – ressourcenschonend, sozial, innovativ.
Michel Reckhaus: Gibt es ein Projekt aus den letzten Jahren, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist? Was macht es für dich so besonders?
Stefan Anders: Die Forschungsgebäude in Bad Aibling zusammen mit Prof. Florian Nagler sowie die Dante-Projekte in München empfinde ich als wichtige und einprägsame Projekte aus der B&O Bau‑Welt. Diese Projekte habe ich oft als gute Beispiele zum Thema ‚einfach bauen‘ oder generell zum Holzbau in Vorträgen referenziert. Meine persönliche Passion ist die Forschung, das Weiterdenken, daher muss ich direkt auch auf unser eigenes Berliner Forschungsprojekt am Hauptstandort der B&O Bau in Berlin‑Weißensee kommen.
Dieses Projekt, auch wenn es noch nicht abgeschlossen ist, wird aus meiner Sicht ein Meilenstein in meiner Laufbahn als Architekt sowie bei B&O Bau sein und mir besonders im Gedächtnis bleiben.
Der „Holz‑Lehm Campus Berlin“ oder kurz „HLCB“ entsteht in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Sauerbruch Hutton sowie dem Bauhaus Erde und ist ein richtungsweisendes Modellprojekt für regeneratives und zukunftsorientiertes Bauen in Berlin‑Brandenburg.
Das Projekt nutzt Erfahrungen aus der ‚einfach bauen’‑Reihe und stärkt mit dem eigenen Werk zur seriellen Vorfertigung von Holzbauwänden in Frankfurt (Oder) die regionale Wertschöpfung. Unter Einbindung des Holzbauclusters (des Landesbeirats Holz Berlin‑Brandenburg e. V.) werden regionale Firmen zur Stärkung des Holzbaus und weiterer nachwachsender Rohstoffe beteiligt. Ziel ist, ressourcenschonende Bauweisen noch weiter zu erforschen und anzuwenden, die Langlebigkeit, Effizienz und Rückbaubarkeit garantieren.
Dieses Bauprojekt liegt mir ganz besonders am Herzen, weil es auf einzigartige Weise zeigt, wie zukunftsfähiges Bauen im Einklang mit Mensch und Natur im urbanen Kontext aussehen kann. Die konsequente Nutzung regionaler und natürlicher Materialien wie Kiefernholz und Lehm reduziert nicht nur den CO₂‑Fußabdruck erheblich, sondern schafft auch ein gesundes Raumklima. Die gemeinsam entwickelte ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie macht unter anderem auch bestehende Ressourcen wie Betonoberflächen als Stapelfundamente nutzbar. Jede Baukomponente ist rückbaubar und vollständig wiederverwendbar konzipiert – ein zukunftsweisender Ansatz, der Kreislaufwirtschaft praktisch erlebbar macht, obwohl wir das HLCB für 150–200 Jahre konzipieren. Fast ganz nebenbei wurde eine neuartige Holz‑Lehm‑Hybriddecke entwickelt und zum Patent angemeldet. Der Lehmstein kann in Kürze über den Produzenten Lücking bezogen werden. Die Decke konnten wir bereits beim diesjährigen Deutschen Holzbaukongress in Berlin vorstellen.
Die Kombination aus traditionellem Handwerk, dem Lernen aus der Baukultur, modernster Technologie, Planung und gesellschaftlicher Verantwortung ist auch im Kontext der geförderten Forschung am Reallabor durch die DBU für mich besonders hervorzuheben. Das Projekt nutzt Vorfertigung über den digitalen Zwilling und innovative Energiekonzepte, um effizient und emissionsarm zu bauen – und setzt damit konkrete Impulse für die Bauwende. Gleichzeitig ist es weit mehr als ein technisches Vorzeigeobjekt, denn als interaktiver Lern‑ und Begegnungsort richtet es sich gezielt nicht nur an Planende sondern auch an Entscheidungsträger*innen aus Politik und Wirtschaft, fördert den generellen Wissenstransfer und schafft Bewusstsein für zukunftsfähiges Bauen.
Was mich besonders motiviert, ist die Strahlkraft dieses Projekts, schon vor seiner Fertigstellung. Es inspiriert, sensibilisiert und zeigt ganz praktisch, wie ökologisch, sozial und
ökonomisch nachhaltiges Bauen mit sehr hohem gestalterischem Anspruch möglich ist. Dieses Bauvorhaben ist für mich deshalb weit mehr als ein Holzbau – es ist ein aktiver
Impulsgeber für die dringend notwendige Transformation der Bauwirtschaft. Ich bin sehr stolz und froh darüber, das Projekt aktiv steuern zu können.
Michel Reckhaus: Wo siehst du aktuell die größten Stärken und Chancen für den Holzbau in unserer Region – und wo hakt es noch?
Stefan Anders: Ganz klar, Holz wächst uns hier quasi direkt vor die Haustür. Brandenburg hat riesige Kieferreserven, und das für noch viele Jahre – wir müssen diese nur clever nutzen und können zusätzlich ganz nebenbei den Waldumbau unterstützen. Die Chancen liegen auf der Hand, kurze Lieferketten, gute CO₂‑Bilanz, schnelle Bauzeiten und ein wachsender politischer Wille zur Bauwende. In der ersten Frage habe ich diese Punkte vielleicht schon etwas vorweggenommen, und wo es noch hakt?
Vermutlich immer noch im Kopfbereich. Hier wird oft langsamer gebaut als auf der Baustelle. Aber das kriegen wir schon hin – mit vielen und vor allem sehr guten Beispielen, viel Aufklärung und vielleicht einem kleinen Ruck durch die Ämter und Verwaltungen.
Michel Reckhaus: Welche Rolle spielen für dich regionale Wertschöpfung und lokale Materialkreisläufe in der Planung und Umsetzung von Projekten?
Stefan Anders: Kurz, Eine sehr große. Die regionale Wertschöpfung und lokale Materialkreisläufe sind für uns kein Zusatznutzen, sondern integraler Bestandteil unserer Planung. Eine enge Verzahnung von Planung, Produktion und Umsetzung steht hier im Fokus, dies beschleunigt nicht nur Prozesse, sondern steigert zusätzlich die Qualität. Durch die Nähe zu Material und Partnern können wir viel flexibler reagieren, Transportwege minimieren und die Bauabläufe noch effizienter koordinieren. Das stärkt die regionalen Strukturen und Partnerschaften und reduziert gleichzeitig die Umweltbelastung.
Besonders wichtig ist uns dabei, dass Materialien nicht nur lokal gewonnen, sondern auch rückführbar und wiederverwendbar bleiben – also weiterhin dem Kreislauf zur Verfügung stehen. So entsteht ein Bausystem, das dauerhaft tragfähig ist – für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft.
Michel Reckhaus: Was wünschst du dir von Politik, Genehmigungsbehörden und Projektpartnern, damit Holzbau in Berlin und Brandenburg noch schneller und besser gelingt?
Stefan Anders: Vor allem eines, mehr Tempo und Klarheit. Konkret, deutlich kürzere Genehmigungszeiten und vereinfachte, digitalisierte Verfahren, die Planungssicherheit schaffen, statt Projekte auszubremsen. Holzbau ist längst technisch ausgereifter als konventionelle Bauweisen und ökologisch um Längen sinnvoller, er sollte nicht länger an endlosen Abstimmungen oder widersprüchlichen Vorgaben scheitern an eine schnelle Genehmigung zu kommen. Wir brauchen klare Regeln und nachvollziehbare Abgrenzungen – aber keine überregulierten Prozesse oder gut gemeinte Forderungen, die in der Praxis am Ziel
vorbeigehen. Wer sozialen und nachhaltigen Wohnraum wirklich fördern will, muss das Bauen erleichtern, nicht verkomplizieren. Dies würde ich gern fordern und nicht wünschen, denn wer wünscht wird oft enttäuscht.
Ich fordere also klare und sinnvolle praxisnahe Vorgaben statt pauschaler, oft realitätsferner Auflagen, die den Bau sozial und ökologisch nachhaltigen Wohnraums eher verhindern als fördern. Am besten über die föderalistischen unterschiede hinweg auf zu einer gemeinsamen Bauordnung! Eine stärkere Offenheit gegenüber innovativen Bauweisen wäre wünschenswert, vielleicht hilft hier der „Gebäudetyp E“ Ansatz, gerade bei öffentlichen Ausschreibungen und städtischen Wohnbauprojekten, dies wird die Zukunft zeigen. Der Holzbau muss auch auf Seiten der Politik und Behörden systematisch mitgedacht werden, nur dann kann er sein volles Potenzial für die Region entfalten. Das heißt wahrscheinlich, dass wir als Experten viel mehr und noch intensivere Wissensvermittlung betreiben müssen.
Michel Reckhaus: Und zum Abschluss: Was motiviert dich in deinem Beruf Tag für Tag — und was würde deine Arbeit manchmal erleichtern?
Stefan Anders: Mich motiviert, zur Bauwende beizutragen und nicht in der Theorie, sondern auf der Baustelle, in der Kalkulation und Projektakquise, in der Projektleitung, im Werk oder im
Dialog mit Team, Partnern und Kolleg*innen.
Die regenerativen Materialien, klugen Konzepte und gute Zusammenarbeit im B&O Bau‑Team, aus deren Ergebnis tatsächlich sozial verträglicher und nachhaltiger Wohnraum entsteht, sind ein großer Antrieb Tag für Tag. Es ist das Zusammenspiel aus Innovationsfreude, Verantwortung und dem Wissen, dass wir mit jedem Projekt zeigen können, wie die Bauwende gelingen kann. Es ist an der Zeit, das Bauen von Wohn- und Arbeitswelten zu revolutionieren.
Zum Schluss ein für mich prägendes Zitat:
„Wir plündern zugleich die Vergangenheit und die Zukunft für den Überfluss der Gegenwart – das ist die Diktatur des Jetzt.“
Prof. Dr. Dr. hc mult. Hans Joachim Schellnhuber
Vielen Dank lieber Stefan Anders für dieses ausführliche Interview und wir freuen uns sehr auf die nächsten gemeinsamen Projekte.
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