Mit unserem neuen Interview-Format möchten wir den Austausch im Landesbeirat Holz und Holzbaucluster Berlin-Brandenburg weiter voranbringen. Künftig werden hier Expertinnen und Experten ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Einblicke zu relevanten Themen im Holzbau teilen. Den Anfang macht hier Architektin Elise Pischetsrieder im Interview mit unserem Clustermanager Michel Reckhaus.
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Elise Pischetsrieder, Architektin BDA, ist geschäftsführende Gesellschafterin des 2016 zusammen mit Roger Weber und Boris Brunner gegründeten Büros weberbrunner architekten in Berlin. Gründungsort des Büros war 1999 Zürich, wo Elise Pischetsrieder seit 2008 als Architektin arbeitete. Gemeinsam mit dem Zürcher Standort setzt sie sich für zukunftsgerechtes Planen und Bauen ein sowie den sorgfältigen Umgang mit Bestand. Elise Pischetsrieder engagiert sich in verschiedenen Netzwerken für die Bauwende, ist Mitglied der Vertretungsversammlung der Architektenkammer Berlin, hält Vorträge und gibt Seminare zum Thema planungsbegleitende Lebenszyklusanalyse. Sie ist Fachautorin des BKI für Ökobilanzierung und steht in den Projekten des Büros für Baukultur mit Klima- und Ressourcenschutz ein.

Michel Reckhaus: Wie hast du den zunehmenden Einsatz von Holz im Bauwesen in den letzten Jahren erlebt? Was waren aus deiner Sicht die wichtigsten Treiber dieser Entwicklung?
Elise Pischetsrieder: In unserem Büro spielt Holzbau seit 25 Jahren eine zentrale Rolle. Die Verwendung nachwachsender Rohstoffe und so viel wie möglich kreislauffähige Bauweisen zu verwenden, steht im Zentrum der Debatte aktueller Baukultur. Der hohe Kostendruck im Bauen rückt das Bauen mit regional verfügbaren naturbasierten Materialien zusätzlich in den Fokus. Preisstabilität, Verfügbarkeit und Planbarkeit von Bauweisen sind wichtige Entscheidungskriterien für unsere Bauherren. Anforderungen so wenig wie möglich fossile Treibhausemissionen zu verursachen und den Verbrauch von Primärrohstoffen zu vermeiden, werden nicht nur durch die EU-Taxonomie oder KfW-Förderungen mit QNG zusätzlich priorisiert.
Die Frage, wie ein Projekt besonders holzbau-freundlich entwickelt werden kann, beschäftigt mich als Architektin ab dem Beginn der Planung. Bereits im Entwurf des Städtebaus können Spannweiten, Geschosshöhen und Gebäudekubaturen in Holzbauweise begünstigen. Diese mit dem gewünschten Raumprogramm, dem Standort und der Typologie zu vereinbaren, ermöglicht sehr ökonomische und energieeffiziente Bauvorhaben mit kurzer Bauzeit und wenig Mängeln. Insbesondere mittlere und große Bauvorhaben zum Beispiel im geförderten Wohnungsbau sind sehr ökonomisch in Holzbauweise realisierbar: Umso größer der Wiederholungsgrad und damit die serielle Fertigung innerhalb eines Projekts, umso mehr punktet ein hoher Vorfertigungsgrad und umso sichtbarer und leichter messbar werden die baulogistischen Vorteile des Holzbaus.
Im Vergleich zur Schweiz oder Österreich, wo traditionell schon lange größere Holzbauunternehmen ansässig sind, haben sich inzwischen auch in der Region Berlin-Brandenburg erfolgreich Unternehmen angesiedelt, so dass nun auch hier regionale Unternehmen für große Holzquartiere vorhanden sind. Der Markt ist aktuell ideal für mittlere und große Projektausschreibungen, da sowohl regionale Preise eingeholt werden können als auch überregionale Angebote. Viele Ausschreibungen gehen inzwischen von der Anforderung aus, dass mit Holz oder Holzhybrid geplant und gebaut werden soll – andernfalls ist zu begründen, warum Holzbau für ein Projekt nicht in Frage kommt. Das war vor 10 Jahren noch ganz anders.

Michel Reckhaus: Welche Vorteile siehst du in der Nutzung regionaler Ressourcen wie Kiefernholz aus Brandenburg für Bauprojekte? Gibt es aus deiner Erfahrung konkrete Beispiele?
Elise Pischetsrieder: Die Verwendung von regionalen Ressourcen stellt einen großen Vorteil in Berlin-Brandenburg dar. Wir leben in einer Holzregion und können daher unabhängig von globalen Lieferketten, regionale Bauweisen und Bauprodukte etablieren. Vor hundert Jahren waren wir mit den Gründerzeitgebäuden bereits an diesem Punkt. Seitdem wurden viele Normen, technische Baubestimmungen oder anerkannte Regeln der Technik etabliert, manche davon stehen allerdings durch die Definition von VOC-Grenzwerten der Nutzung von Kiefernholz entgegen. Diese Hürden abzubauen, ist wichtige Aufgabe der Politik – auch in Zusammenarbeit mit dem Holzbauclusters. Sie bedeuten Hemmnisse für das Bauen in unserer Region. International ist märkisches Kiefernholz sehr gefragt, so zum Beispiel ist Japan, China und den USA. Einige Hersteller in der Region haben das Potenzial inzwischen erkannt und arbeiten mit Hochdruck an Prüfzeugnissen oder der Beantragung allgemeiner Bauartzulassungen. Aktuell bleibt der Einsatz von Kiefernholz in kleinen und privatwirtschaftlichen Projekten noch hinter den Möglichkeiten zurück. In der Folge wird ein Großteil als wertvolles Baumaterial exportiert. Sobald die entsprechenden Zulassungen die Rechtssicherheit bieten, gibt es bereits durch Förderungen begünstigt einen steigenden Bedarf an der Verwendung von regionalem, zertifizierten Kiefernholz – zum Beispiel im Wohnungsbau oder Bauten der sozialen Infrastruktur.

Michel Reckhaus: Welche Möglichkeiten bietet das neue „Schneller-Bauen-Gesetz“ speziell für den Holzbau? Wo siehst du Nachholbedarf?
Elise Pischetsrieder: Das Schneller-Bauen-Gesetz unterstützt das Ziel Berlins lange Planungs-, Bauantrags- und Bauprozesse zu verkürzen. Es ist gleichzeitig festzustellen, dass die Anforderungen an das Planen und Bauen jedes Jahr mit zusätzlichen Anforderungen weiter zunehmen. Bauvorhaben in Holzbauweise haben dagegen bereits durch die Bauweise große Vorteile in der Bauzeit gegenüber mineralisch realisierten Gebäuden. Da ein Großteil des Bauprozess im Werk erfolgt, können diese Produktionszeiten mit der Baustellenvorbereitung, Aushub und Herstellung der Bodenplatten etc. parallel erfolgen. Der Bauprozess vor Ort ist dann eng getaktet und belastet die Nachbarschaft deutlich weniger mit lokalen Lärm- und Staubemissionen.
Aus meiner Sicht ist die Berücksichtigung der Prinzipien der Nachhaltigkeit und der Qualitätssicherung guter Gebäude trotz zügiger Bauprozesse unumgänglich. In vielen Bauprojekten sehen wir, wie zum Beispiel die Einbindung des Artenschutzes zunimmt. Es handelt sich hierbei um Bauherrenleistungen, die vor dem eigentlichen Planungsprozess zu erbringen sind. Wenn solche Abklärungen nicht bekannt sind oder zu spät erfolgen, ist ein Bauvorhaben schnell langwierig und wird unplanbar. Den Artenschutz daher nicht zu berücksichtigen, ist keine Lösung. Vielmehr sollten Planungsbeteiligte sich der Tragweite der Einzelthemen bewusst sein und diese zum geeigneten Zeitpunkt klären. In Baumaßnahmen im Bestand sehe ich im Planungsalltag, wie das Thema der Zustands- und Potenzialanalyse immer wichtiger wird. Gleiches gilt für eine abgestimmte Bedarfsplanung. Zu Projektbeginn sollte es daher eine Projektzielvereinbarung geben. Dadurch könnten sich sehr viele Planungsschleifen reduzieren lassen. Ein weiterer konkreter Ansatzpunkt besteht in der Verbesserung der Prozesse in den Bauverwaltungen. Durch die Einführung des elektronischen Bauantrags ist bereits ein wichtiger Meilenstein gelungen, wodurch die am Bewilligungsprozess Beteiligten transparent und zeitgleich die verschiedenen Aspekte der Fachabteilungen abrufen und dokumentieren können. Diesen Schritt in der Digitalisierung begrüße ich außerordentlich.
Insbesondere durch die Musterholzbau-Richtlinie wird es spezifisch für den Holzbau zeitnah ein sehr wichtiges Instrument für hohe Planungssicherheit und kurze Genehmigungszeiten geben. Die erste Fassung für die Gebäudeklasse 4 und 5 wurde noch viel kritisiert, nun ist die Überarbeitung seit letztem November erschienen. Sie ist klärend und für den Holzbau sehr hilfreich: Da in der Richtlinie u.a. vorhabenbezogene und allgemeine Bauartzulassungen geregelt sind, können in Zukunft mit Verweis auf diese geregelten Bauarten Baugenehmigungen in kurzen zeitlichen Fristen erzielt werden und Zulassungen im Einzelfall (ZiE) – die Zeit und Arbeitsintensiv für alle Projektbeteiligten sind – werden nur noch in Pilotprojekten oder Ausnahmefällen notwendig sein.

Michel Reckhaus: Was können andere Bauprojekte aus deiner Erfahrung mit regionalen Holzbau-Lieferketten lernen?
Elise Pischetsrieder: Für Bauvorhaben in Holzbauweise ist es ratsam, zu Projektbeginn eine Vereinbarung der angestrebten Standards zu treffen. Diese beschleunigen nicht nur das Bauen selbst, sondern auch den Planungs-, Vergabe- und Abstimmungsprozess mit Bauherrinnen und Bauherren sowie mit den Verwaltungen und den Behörden. Als Bestandteil von Ausschreibungen der öffentlichen Hand in Berlin-Brandenburg könnte zum Beispiel die bevorzugte Verwendung von regionalem Holz beschrieben werden. So wäre der erste Schritt gemacht und Planende sowie Hersteller wären angehalten, wo sinnvoll und gut möglich im Projekt den Einsatz von regionalem Holz voranzubringen.

Vielen Dank für das Interview liebe Elise Pischetsrieder. Wir freuen uns über deinen Einsatz für den Holzbau!