Die Berliner Waldvision 2065 benennt regionale Wertschöpfung und Kaskadennutzung erstmals ausdrücklich als Ziel, ein echter Fortschritt. Über 80 Prozent Schnittholz, direkte Vermarktung an regionale Abnehmer: Das klingt nach verlässlicher Rohstoffbasis für regionalen Holzbau. Doch die konkreten Mengen sind noch offen. Warum die Richtung trotzdem stimmt und worauf wir jetzt warten.
Am 27. März jährte sich der Berliner Dauerwaldvertrag zum 111. Mal. Wer verstehen will, warum Berlin bis heute verhältnismäßig viel und mit rund 28.500 Hektar auch insgesamt bemerkenswert viel Wald besitzt, muss genau dort anfangen: 1915 verpflichtete sich der Zweckverband Groß-Berlin, große erworbene Waldflächen weder zu bebauen noch weiterzuverkaufen, sondern dauerhaft als Naherholungsraum zu sichern. Berlin besitzt also nicht zufällig so viel Wald, die Stadt hat ihn politisch gewollt und früh gesichert. Dass nun unter Senatorin Ute Bonde die neuen Waldentwicklungsgrundsätze und die Waldvision 2065 vorliegen, knüpft genau an diese Tradition an: Flächensicherung bleibt der Kern, wird aber um Klimaanpassung, Dauerwaldentwicklung und Ressourcenvorsorge erweitert.
Vom Moratorium zur offenen Mengenfrage
Es gab eine längere Denkpause und um sie einzuordnen, lohnt ein konkreter Blick auf die Zahlen. Der Landesbeirat Holz hat den Holzbedarf für das Schumacher Quartier durchgerechnet, für den Fall einer maximal holzintensiven Bauweise. Das Ergebnis: Für die knapp 6.000 Wohnungen wären rund 250.000 Kubikmeter Bauholz nötig, verteilt auf eine Bauzeit von zehn Jahren bedeutet das etwa 25.000 Kubikmeter pro Jahr. Um diese Menge an Bauholz bereitzustellen, braucht es etwa doppelt so viel Rohholz aus den Wäldern, also rund 50.000 Kubikmeter jährlich.
Das ordnet die Diskussion ein. Denn historisch haben die Berliner Forsten einen jährlichen Einschlag von rund 100.000 Kubikmeter Rohholz realisiert, je nach Sortiment wäre diese Menge theoretisch ausgereicht, um das Schumacher Quartier allein aus Berliner Wäldern zu versorgen. Mit dem vor zwei Jahren verhängten Einschlagsmoratorium, das die Holzentnahme auf maximal 10.000 Festmeter pro Saison begrenzte, und der grundlegenden Neuausrichtung der Waldbewirtschaftung hat sich diese Ausgangslage grundlegend verändert. Es ist davon auszugehen, dass die künftigen Einschlagsmengen dauerhaft deutlich unter den früheren Niveaus verbleiben werden. Für die regionale Holzwirtschaft bedeutet das vor allem eines: weniger Planbarkeit und eine nüchterne Neubewertung, wie viel Berliner Holz für regionale Projekte tatsächlich verfügbar sein wird.
Schumacher Quartier: Anspruch und Wirklichkeit driften auseinander
Vor diesem Hintergrund ist eine aktuelle Entwicklung besonders kritisch zu beobachten. Bei den laufenden Ausschreibungen für das Schumacher Quartier zeichnet sich ab, dass die Berliner Senatsverwaltung vom ursprünglichen Anspruch, ein in weiten Teilen in Holz gebautes Quartier zu entwickeln, spürbar abrückt. Die Vergaberahmen wurden deutlich stärker für konventionelle Baustoffe geöffnet und die ersten Vergaben bestätigen diesen Trend. Was als Leuchtturmprojekt für den urbanen Holzbau in Deutschland hätte Maßstäbe setzen können, droht zu einem Quartier zu werden, das seinen eigenen Anspruch still und leise aufgibt. Das ist nicht nur aus Holzbauperspektive unbefriedigend, es ist auch ein wohnungspolitisches Signal mit Folgen: Wer Holzbau in die Breite bringen will, braucht genau solche Großprojekte als Treiber für Standardisierung, Vorfertigung und Kostendegression. Fehlt dieser Impuls, fehlt er der gesamten Branche.
Eine ausführlichere Einordnung zur Ausschreibungssituation im Schumacher Quartier folgt im nächsten Newsletter.
Warum die Waldvision 2065 trotzdem wichtig ist
Trotz dieser Ungewissheit enthält das Papier mehrere Grundsätze, die in die richtige Richtung weisen. Erstens wird die regionale Verwendung des Holzes ausdrücklich als Ziel benannt, einschließlich Direktvermarktung an regionale Abnehmer und Projekten mit „Berliner Holz“. Zweitens setzen die Berliner Forsten einen klaren Maßstab zugunsten hochwertiger stofflicher Nutzung: über 80 Prozent Schnittholz. Drittens wird die jährliche CO₂-Bindung in der Nutzungskaskade als Indikator für die Klimaschutzleistung des Waldes aufgenommen. Damit wird anerkannt, dass Holz seinen größten Klimanutzen in langlebigen Produkten wie Gebäuden entfaltet.
Aus Sicht des Landesbeirats Holz ist das die entscheidende Botschaft dieses Jubiläums: Die Richtung stimmt. Der Berliner Wald wird nicht nur als Schutz- und Erholungsraum gedacht, sondern auch als Teil einer verantwortungsvollen regionalen Rohstoffstrategie. Bevor wir jubeln, warten wir auf die nächsten belastbaren Informationen. Wenn daraus planbare Rohstoffströme für regionale Sägewerke, Holzbauunternehmen und öffentliche Holzbauprojekte entstehen, kann aus einem historischen Schutzvertrag ein modernes Wertschöpfungsmodell werden.
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